Diffidati con noi

Wer eMaK ist, bestimmen wir!“ – AIHD

Wir müssen leider draußen bleiben. Zwar wurde nur für drei der eMaK zugeordneten Personen ein Hausverbot beschlossen, doch die Stoßrichtung war ganz klar: Mitgehangen, mitgefangen. Es wurde so nicht gesagt, aber gemeint ist, dass alle, die Sympathien für eMaK und unsere Arbeit haben, im Café nicht mehr erwünscht sind. Da passt es auch gleich, dass sich die drei Verbannten selber nie öffentlich oder gar schriftlich als Mitglieder bezeichnet haben. Die Mitgliedschaft wurde einfach unterstellt.

Von Menschen, denen eine Nähe zu eMaK nachgesagt wurde, wurde eine umfassende Distanzierung gefordert. Wer das nicht leisten will, allerdings auch nie den Mund aufgemacht hat, nie selber etwas geschrieben hat, kann sich jetzt selbst fragen, ob er wirklich noch an einem Ort verkehren will, an dem er nur deshalb geduldet wird, weil er seine Meinung nicht sagt.

Aber nun einmal zum Ablauf: Am 22. April erschienen auf dem Plenum des Café Gegendruck mehr Leute als sich normalerweise dorthin verirren, und zwar fast nur solche, die sich auf diesem seit Ewigkeiten nicht mehr oder noch nie haben blicken lassen. Die „geballte Macht“ der AIHD, eine Gruppe, von der wir sonst geschwiegen hatten, da sie eben, wir dachten im Gegensatz zu AKUT+C, unter aller Kritik bleibt, erschien, um dem Treiben der fiesen Kritiker endlich ein Ende zu setzen. Zusammen mit Vertretern von AKUT+C und mit der Behauptung vom AK-Antifa aus Mannheim unterstützt zu werden, vertrieben sie mit wüsten Beschuldigungen erst ein angebliches eMaK-Mitglied, dem in guter stalinistischer Tradition nur die Wahl zwischen Denunziation und Distanzierung einerseits und Strafe und Verbannung andererseits gelassen wurde, aus dem Plenum, und beschlossen dann oben genanntes Hausverbot.

Ob die Gruppe AKUT+C ein solches Vorgehen tatsächlich geschlossen unterstützte lässt sich für uns nicht sagen, aber wenn dem so wäre, müssten wir uns ein neues Betätigungsfeld suchen: Unsere „Geschäftsgrundlage“ wäre dadurch dahin, denn die war jederzeit, dass es sich bei AKUT+C um eigentlich vernünftige Leute handele, mit denen eine Auseinandersetzung noch plausibel wäre.

Was wir tun würden, wenn sie das nicht sind, wissen wir auch nicht.

Wir haben nämlich auch weit Besseres zu tun, als uns mit Leuten auseinanderzusetzen, die an einer Auseinandersetzung über die Entwicklung in der Gesellschaft und insbesondere der Linken nichts wissen wollen und denen es reicht im immer gleichen Sumpf aus Verblendung, Ideologie und der schon so oft angesprochenen Kuhwärme des Kollektivs, die wir so unverfroren gestört haben, zu verharren.

Und nur weil der antifaschistische Großrat diesmal nicht allein aus den Altlinken von der AIHD bestand -Totgesagte leben leider oft noch lange-, sondern auch unter Beteiligung der AKUT+C getagt hat, setzen wir uns mit der Begründung des Hausverbots überhaupt auseinander.

Jene besteht im wesentlichen aus vier Punkten.

A) eMaK habe den Namen eines Referenten mit Gruppenzugehörigkeit veröffentlicht.

B) Der Name sei in Zusammenhang mit Straftaten (Hausbesetzung) genannt worden, was den entsprechenden Referenten der Gefahr von Repressionen ausgesetzt hätte.

C) Jener Referent sei als „nationaler Sozialist“ bezeichnet worden.

D) eMaK habe sich zum Ziel gesetzt „linke Strukturen zu zerschlagen“ und stehe damit außerhalb der Linken und gefährde diese.

Zum ersten Punkt: Ja, wir haben nicht nur den Namen eines Referenten, sondern von gleich dreien in unserem Text genannt. Wäre das an sich ein Grund für ein Hausverbot, so müsste ein solches auch für AKUT+C gelten, denn die Namen der Referenten hatten wir von ihrem Flyer, der in dieser Form öffentlich verteilt wurde und von AKUT+C selbst sowohl auf ihren Blog hochgeladen, wo er inzwischen durch eine Version ohne Namen ersetzt wurde, als auch auf Facebook, wo er weiterhin unverändert zu finden ist.1 Die Nennung von Namen scheint in der Linken nur dann ein Problem zu sein, wenn dies im Zusammenhang mit Kritik erfolgt. Erst bewirbt man seine Veranstaltungen mit den Namen und der Gruppenzugehörigkeit der Referenten, aber wenn diese dann für ihre Aussagen kritisiert werden, dann ist das plötzlich eine Gefährdung. Es ist offensichtlich, dass es hier nicht um tatsächliche Bedrohung geht, sondern schlicht Kritik mundtot gemacht werden soll.

Was den zweiten Punkt angeht, so können wir den besagten Referenten beruhigen, er kann weiter gut schlafen, denn, anscheinend im Gegensatz zur radikalen Linken, ist es der deutschen Staatsanwaltschaft durchaus zuzutrauen, unsere Texte zu verstehen. Nicht nur wurde er nicht von uns in Zusammenhang mit der Hausbesetzung gebracht, es wurde auch in unserem Text klar gestellt, dass wir nichts über einen möglichen Zusammenhang zwischen den Hausbesetzern und den Organisatoren und Verantwortlichen der Demonstration wissen und sich unsere Kritik daher rein auf der Verhalten von Letztgenannten bezieht.

Nun zur Behauptung, der Referent von AKUT+C sei als „nationaler Sozialist“ bezeichnet worden: Auch sie stimmt nicht. In unserem Text wurden lediglich die Konsequenzen einer Revolutionsrhetorik ohne Reflexion über das revolutionäre Subjekt deutlich gemacht. Wie man von der Kritik an einer Forderung nach Demokratie ohne Kapitalismus, die selbstverständlich den Verweis auf deren historische Verwirklichung im Nationalsozialismus beinhaltet, zu einem persönlichen Vorwurf gegen den Referenten kommt, erschließt sich uns nicht.

Deutlich wird dagegen einmal mehr, wie im postnazistischen Deutschland zusehends nicht mehr das ursprüngliche Skandalon, sondern das Skandalisieren selbst skandalisiert wird, stört es doch die harmonische Gemeinschaft, in der Mehrheitsgesellschaft die der Volksgemeinschaft, in der Linken die des Wohlfühlkollektivs Szene.

Dem letzten Punkt haben wir nichts zu entgegnen. Wir kritisieren natürlich nicht, damit alles so bleibt, wie es ist. Und wir kritisieren weiterhin alle Widerlichkeiten, alle Verblendungen und alle Dummheiten der Linken, eine Kritik die auf nichts anderes als die Auflösung ihres Gegenstandes zielt. Selbstverständlich zielen wir damit auch auf die Auflösung oder, anders ausgedrückt, Zerschlagung all jener Strukturen, die nichts sind als der geronnene Ausdruck von Widerlichkeiten, Verblendungen und Dummheiten. Für wen dies dann die eine zu verteidigende Linke ist, für den gilt Maos berühmter Satz: Zwischen uns und dem Feind ist ein Trennungsstrich zu ziehen.

Nichts anderes waren die Gräben, die AKUT+C so leichtfertig zuschütten will oder es sogar schon getan hat. Wir haben bisher, aus gutem Grund, nie die Selbstauflösung von AKUT+C gefordert,2 doch sollten sie tatsächlich das eingangs erwähnte Hausverbot weiterhin unterstützen, so bleibt uns nur zu hoffen, dass alle aus der Gruppe, die noch etwas kritische Distanz, etwas Fähigkeit zur Selbstreflexion haben, ihre Konsequenzen daraus ziehen.

Und was das Café anbelangt: Das Signal, dass Kritik dort nicht erwünscht ist, dass man lieber jede Blödheit respektieren soll und ja niemanden kritisieren darf, ist noch für kommende Generationen gegeben.3 Wehe dem, der es wagt Kritik zu äußern! Die Linke wehrt sich! Wer da noch hin geht, ist selber Schuld.

eMaK im Exil

April 2015

Stand 27. 04. 2015.
Auch der Vorwurf, mit der Nennung des AKUT+C Referenten, für die andern beiden scheint sich keiner so recht zu interessieren, sei dieser googlebar geworden, erweist sich, wäre er nicht allein schon sehr fadenscheinig, bei Überprüfung als vollkommen unbegründet. Wer den Namen des Referenten in der Suchmaschine eingibt wird so einiges finden, jedoch nicht unseren Text. (Jedenfalls nicht vor Seite 5. Wir haben auch anderes zu tun.) Mit „Heidelberg“ kombiniert wird man schon fündiger, allerdings nicht bei uns, sondern auf dem Blog von AKUT+C und Aufzeichnungen seines Verschwörungstheorien-Vortrags. Verbindet man den Namen mit dem Stichwort „Blockupy“, so findet man weitere Einträge, einmal bei uns, dann auf dem AKUT+C Blog und zwei mal bei Veranstaltungen älteren Datums, bei der besagter Referent sich noch stolz mit einer jetzt wohl nicht mehr aktuellen Gruppenzugehörigkeit präsentierte.

2 Auch die Forderung nach der Selbstauflösung der AIHD wurde so nie formuliert, dies jedoch, weil wir sie für selbstverständlich hielten.

3 Nicht umsonst scheinen unsere fanatischten Feinde ja nicht in der AKUT+C, sondern in der AIHD zu sitzen, die sich ja eigentlich vor jedem bisschen gesundem Menschenverstand fürchten müsste.

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Reblog zum Thema „Blockupy“

Im Folgenden möchten wir einen Text der Antideutschen Aktion Berlin vom 10.03.2015 rebloggen, der sich vorzüglich als Ergänzung zu unserer letzten Veröffentlichung eignet. Im Original ist dieser Text auf dem Blog der Antideutschen Aktion Berlin zu finden, darüber hinaus wurde er am 12.03.2015 in der Ausgabe 11 der Jungle World veröffentlicht.

Und täglich grüßt das Murmeltier.
Anmerkungen zu einer ständig wiederkehrenden Farce.

Kein Witz: Eine andere, eine solidarische Welt ist möglich – aber sie kann nur auf den Trümmern der alten Ordnung errichtet werden. Fangen wir mit dem Abriss an“ (1), ködert das kommunistische Bündnis …ums Ganze seine zahlreichen Groupies zu einer gemeinsamen Klassenfahrt nach Frankfurt am Main. Die feierliche Eröffnung des Neubaus der Europäischen Zentralbank (EZB) steht auf dem diesjährigen Parteiprogramm. Anlass für die große revolutionäre Vorfreude ist der Regierungswechsel in Griechenland. „Bemerkenswert ist schließlich, dass Syriza objektiv einen Raum eröffnet hat, den Bewegungen und radikale Linke füllen können, ja füllen müssen – weil er sonst schnell wieder geschlossen sein wird“. Wir halten fest: Die Zeit drängt, weil aus den Wahlen in Griechenland eine „Querfrontregierung“ (2) hervorging. Genau deshalb gilt es für radikale Linke Räume zu füllen! Und wenn es nur der Vorplatz des neuen EZB-Wolkenkratzers bzw. die städtischen Turnhallen in Frankfurt am Main sind.

Wir wollen nur, dass die Menschen, die aus vielen Ländern Europas zu den Blockupy-Protesten anreisen werden, nicht in irgendwelchen Löchern schlafen müssen, sondern ordentlich untergebracht sind. Etwa in städtischen Turnhallen. Beim Evangelischen oder Katholischen Kirchentag, bei allen Turn- und Sängerfesten, kriegt die Stadt Frankfurt das hin“ (3), appelliert der kommode Klassenkämpfer Aaron Bruckmiller von der Interventionistischen Linken (IL) an das »Schweinesystem«, dass dieses doch bitte, bitte Schlafplätze für die anreisenden »Carhartt-Chaoten« zur Verfügung stellen soll. Falls dies nicht geschehe, sehe man sich gezwungen, stattdessen Häuser zu besetzen. Komplett rundet diesen Wahnsinn die Tatsache ab, dass eigens für diesen besonderen Ausflug ein Sonderzug bei der Deutschen Bahn gechartert wurde. Lenins Bonmot, wonach deutsche Revolutionäre eine Bahnsteigkarte kaufen, bevor sie den Bahnhof stürmen, beschrieb einmal eine Trägödie. Diese Zeiten sind längst vorbei. Heutzutage handelt es sich um die ewig gleiche Wiederholung der Farce.

Es gilt folgende einfache Bauernregel: Wenn die Ohnmacht am größten ist, werfen selbst die unausgeschlafensten Murmeltiere noch einen kleinen Schatten. Diesem Prinzip entsprechend funktioniert die Mobilisierung gegen die Eröffnung der Europäischen Zentralbank. Mit Schirm, Charme und ein wenig Photoshop wird die Generation YOLO für eine Minute Berichterstattung in der Tagesschau mobilisiert. Die danach einsetzende staatliche Repression verspricht weitaus mehr Zeit in Anspruch zu nehmen. Typisch linksradikale Bewegungsarithmetik.

Ausgerechnet für solch einen unbedeutenden Event wird jahrelang eine breite Einheitsfront geschmiedet, die von militanten Anarchoveganern, propalästinensischen Trotzkisten, wertkritischen Feministen, über postmoderne Autonome, unzählige V-Männer, hedonistische Riotclowns bis hin zu fleischfressenden Stalinisten und antideutschen Genossen reicht. Sonst haben sich diese politischen Strömungen selten etwas zu sagen. Am 18. März tauchen sie dann aber gemeinsam im kraftvollen »Black-North-Face-Block« ab und tauschen bereitwillig ihre Individualität gegen ein wenig kollektive Revolutionsromatik ein.

Derweil mutieren die großen Bündnisse …ums Ganze und Interventionistische Linke immer weiter zu Serviceagenturen ihrer erlebnisorientierten Klientel und wegen ihrer marktbeherrschenden Position zwingen sie ihre politischen Konkurrenten, sich ebenfalls in größeren Organisationen zu zentralisieren. Im Widerspruch zur autonomen Praxis sind diese großen Zusammenhänge unflexibler und können nur unzureichend auf aktuelle Ereignisse reagieren. Und das Dilemma der marxistischen Theorie ist, dass „der Marxismus irreparabel zerfallen ist in Plattheit auf der einen Seite und Mystik auf der anderen“ (4). Da kann man noch solange in den Aufrufen tiefgründig theoretisch dünnbrettbohren.

Letzten Ende stellt das ganze, jahrelang vorbereitete, Brimborium in Frankfurt am Main kein großes Problem dar, weder für die Gesellschaft noch für die Protagonisten. Die Demonstranten, bis auf die Erstsemester und die ganz Naiven, wissen um den schnell einsetzenden Kater, den eine solch gewagte Simulation von revolutionären Zeiten im 21. Jahrhundert mit sich bringt. Nach dem Großereigniss geht es nämlich ganz normal weiter. Zurück ins Ikearegal, also in den Lesekreis, während in der Gruppe die Planungen für das nächste Jahr beginnen. Und wenn das alles nicht hilft, flüchtet man sich ins about blank.

Auch die Arbeitgeber sowie Professoren brauchen sich keine Sorgen machen. Sie wissen, manchmal aus eigener Erfahrung, dass ein Adrenalinausflug ins Ungewisse ihrer Untergebenen, ein kalkulierter Ausbruch aus dem Alltag, positive Kräfte für die Arbeit frei setzt. Und in zehn Jahren geht man gemeinsam Bungeespringen. Die Sehnsucht nach der revolutionären Umwälzung, wird dann abgelöst durch die Hoffnung, wenigstens noch das lang ersehnte Ende seiner aktuellen Lieblingsserie zu erleben. Die Revolution entlässt ihre Kinder zu jeder Zeit auf ihre Art…

Antideutsche Aktion Berlin im März 2015


Anmerkungen:

(1) Mit dem Aufhören anfangen, Aufruf des kommunistischen »…ums Ganze!«-Bündnisses gegen die Eröffnung des EZB-Neubaus in Frankfurt am 18. März 2015
(2) „Luft nach unten“, Rainer Trampert in konkret 03/2015
(3) „Sonst gibt’s Hausbesetzungen“, Interview mit Aaron Bruckmiller in der taz, 04.03.2015
(4) Das allerletzte Gefecht, Wolfgang Pohrt, Edition Tiamat

Fragmentarische Überlegungen zum Verhältnis von Gegenstand und Adressaten polemischer Kritik

Man vergißt leicht in Deutschland, daß Kritik, als zentrales Motiv des Geistes, nirgends in der Welt gar zu beliebt ist. Aber man hat Grund, bei Kritikfeindschaft zumal im politischen Bereich auch an spezifisch Deutsches zu denken.[…] Wer kritisiert, vergeht sich gegen das Einheitstabu, das auf totalitäre Organisation hinauswill. Der Kritiker wird zum Spalter und, mit einer totalitären Phrase, zum Diversionisten. […] Wollte man eine Anatomie der deutschen Kritikfeindschaft entwerfen, so fände man sie fraglos mit der Rancune gegen den Intellektuellen verbunden. Theodor W. Adorno

Wir hatten sie angesprochen, die vereinigende Wirkung der einfachen Sprache, die eben nicht nur für alle verständlich ist, sondern auch in ihrer begrifflichen Schwammigkeit jedem via einem hohen Maß an Interpretationsmöglichkeit ein hohes Maß an Identifikationsmöglichkeit gibt. So kommt es, dass sich EMAK und AKUT+C scheinbar einig sind: „Es ist uns durchaus bewusst, dass wir durch unsere Aktivität keine gesamtgesellschaftlich relevanten Veränderungen bewirken, trotzdem finden wir es richtig und wichtig eine solche Veränderung anzustreben.“1 Auch uns ist bei der Lektüre der Stellungnahme der AKUT+C abermals bewusst geworden, dass unsere Intervention mitnichten Veränderungen in der Linken bewirken wird, trotzdem finden wir es wichtig, in sie hinein zu intervenieren. Denn unser Anliegen ist es schon lange nicht mehr „die Notwendigkeit eines innerlinken Diskurses“ zu proklamieren oder gar „zu diesem beitragen“ zu wollen. Vielmehr geht es uns darum „Menschen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft anzuregen“ und zudem den Einzelnen (nur um den kann es sich beim Bezug auf Menschen im emanzipativen Kontext gehen) nicht aufzugeben, nur weil er in einem meist selbstgewähltem Verblendungszusammenhang gefangen scheint. Nichts anderes, weder Selbstinszenierung, profilierende Pseudointellektualität, noch Beitrag zu irgendeiner innerlinken Debatte schickt sich unsere Intervention an zu sein, als die Ermutigung des Einzelnen zum Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Ermutigung, die ihrer Form nach nur Polemik sein kann, sucht sie doch nicht den Konsens mit ihrem Adressaten, sondern die Zerschlagung dessen Gegenstandes, auf dass er selbst Chance zur Erkenntnis habe.

Zur Schizophrenie der Vokabel

Eine Erkenntnis, die ganz konkret bedeuten würde, jene linke Nestwärme aufzugeben, die wir versucht haben in unserer Kritik ihrer Funktion für den von den Verhältnissen zerschundenen Einzelnen zu überführen. Deren Wegbrechen ist jedoch unmittelbar mit der Angst vor Identitätsverlust verbunden, so stark wirkt der Identifikationsmoment einer Szene, die Lifestyle, Mode, politische Weltanschauung, soziale Absicherung, Freundeskreis bzw. Wahlfamilie bietet und zu einem Lebenskonzept inklusive Recht auf ein gutes Gewissen verdichtet. Das will man sich nicht nehmen lassen, Kritik darf nicht gelten dürfen, ihre plumpe Vokabel ist jedoch Branding des Lebenskonzepts und so konnte die AKUT+C nicht anders, als unserer Kritik ihren Namen zu verwehren: „Wir können diesen Text nicht, wie möglicherweise beabsichtigt, als reine Äußerung zynischer Kritik ansehen. Vielmehr kommt es uns so vor als wollten sich die Autor*innen durch übertrieben hochgestochene Sprache selbst inszenieren. Diese Art der Profilierung und die teilweise auf Unwahrheiten basierende Argumentation sind dem zynischen Charakter nicht zuträglich.“2 In der Angst vor der vermeintlichen Hochsprache drückt sich nicht nur die Angst vor dem Intellektuellen aus, als vielmehr die Angst vor der Möglichkeit des eigenen Intellekts als ständiger Mahnerin verpasster Erkenntnischancen.
Aber augenscheinlich stellt Erkenntnis der Aktivitas der AKUT+C kein erstrebenswertes Ziel mehr dar, bewirbt sie doch ihre Diskussionsveranstaltungen zu Blockupy auf dem selben Flugblatt wie die Vorwegnahme von deren Ergebnis, die gemeinsame Busfahrt zur EZB-Blockade.
Wenn man allen ernstes zu einer Diskussionsveranstaltung über die Sinnhaftigkeit einer Aktion auf dem selben Flyer aufruft, auf dem auch gleich der Bus zu jener Veranstaltung beworben wird, dann ist klar, dass die entsprechende Diskussion mit Wahrheitsfindung, mit gegenseitig anregendem Meinungsaustausch nichts, aber auch gar nichts gemein haben wird bzw. will. Es war eine Propagandaveranstaltung, teils verschleiert durch das Feigenblatt der kritischen Auseinandersetzung, teils offen ohne.

Zu dieser doch recht wenig ansprechenden Vorstellung passte dann auch, dass Merlin Wolf, der AKUT+C bei der „Podiumsdiskussion“ vertrat, ernsthaft versuchte den Eindruck von Unentschlossenheit, von Offenheit gegenüber allen Positionen zu erwecken, während die von ihm repräsentierte Gruppe ihre Unterstützung via Busbewerbung längst kund getan hatte.
So kam es wie es kommen musste: zwei Stunden lang klopfte man sich gegenseitig, oder auch mal selbst3, auf die Schulter, und auch der bestellte Kritiker, David Waldecker, merkte zwar an, man bringe „Leute zum Denken, indem man ihnen vor den Kopf stößt“, vergaß jedoch, trotz einer guten Analyse seiner Gegenüber, entsprechende Praxis zu entwickeln.

Dabei gab es dazu sicherlich genug Ansatzpunkte:
Zurecht verglich der AKUT+C Repräsentant die Blockupy-Proteste mit denen anlässlich des G8-Gipfels 2007, ungewollt zurecht vor allem, da die Kritik an diesen von damals für die Blockupy-Proteste genauso gilt.
Im Unterschied zu damals am Mobilisierungsprozess beteiligten antinationalen Gruppen wie etwa dem umsGanze Bündnis, die wenigstens in der Lage waren (Selbst-) Kritik an den Protesten zu formulieren, und sowohl in Texten als auch in Veranstaltungen über den Stand der Debatte informierten, während sie wider besseren Wissens dorthin mobilisierten, dient AKUT+C das Podium über Sinn und Unsinn als bloßer Mobilisierungs-Aufhänger.
Folgerichtig machen sie dafür mit den internationalistischen Leninisten von IL gemeinsame Sache.
Nicht in der Lage die Bedeutung von Ort oder Datum für den Kampf „Für eine Welt, in der alle ohne Angst verschieden sein können“4 zu benennen, bediente man sich einer verstaubten Rhetorik, die man in den aufgeklärteren Teilen der Linken so für nicht mehr für möglich hielt.

Erneut stößt so die AKUT+C allen Hoffnungen auf eine positive Entwicklung innerhalb der Linken vor den Kopf.

Bündnisse um ihrer selbst willen

Doch wieso sich auch weiterentwickeln, wieso den Zusammenhalt der kümmerlichen Reste der Linken noch durch Kritik gefährden, wenn doch Theorie, wie es Hannah Eberle von der IL-Berlin meinte, lediglich ein Mittel zur Mobilisierung sei? Und wenn es darum gehen soll die „Auswirkungen für die Menschen“ zu ändern, fliegt der letzte Rest Selbstkritik am besten gleich über Bord des Bootes, in dem doch alle sitzen sollen.
Solche Theoriefeindschaft will davon, dass Analyse und Aktionsform untrennbar miteinander verknüpft sind, dass jene sowohl diese, als auch die Wahl möglicher Bündnispartner notwendig bestimmt, nichts wissen.
Passend hierzu glaubt man an den Propagandawert von Demonstrationen, sowie an die Verrücktheit, auf diesen grundlegende Gesellschaftskritik gemeinsam mit Linkspartei und Attac (!) vermitteln zu können, immer im Bewusstsein, „keine gesamtgesellschaftlich relevanten Veränderungen bewirken“ zu können.
An dieser Stelle wird wie von selbst der Einwand aufkommen, dass es unzulässig wäre, die Aussagen von IL gegen AKUT+C zu richten. Wie wir jedoch von AKUT+C an anderer Stelle erfahren durften, würde sie sich von Gruppen, zu denen sie „grundlegende inhaltliche Differenzen haben distanzieren“. Demnach wäre AKUT+C zu unterstellen, keine „grundlegenden inhaltliche[n] Differenzen“ zu Gruppen und Organisationen zu haben, mit denen sie zusammen Aktionen durchführen, oder zu deren Aktionen sie aufrufen. Diesem formulierten Anspruch nach müsste darunter auch der CDU-Ortsverband Käfertal fallen, mit der sie gemeinsam zur Demonstration „Mannheim sagt ja!“ aufgerufen haben.5
Diese Freude am Schulterschluss bleibt fragwürdig, selbst wenn man berücksichtigt, dass AKUT+C sich nicht daran gebunden fühlt, Gräben, die andere gezogen haben, aufrecht zu erhalten, anscheinend auch dann nicht, wenn andere diese eben nicht willkürlich, sondern aus purer Vernunft gegraben haben.

Trifft sich in Frankfurt, was sowieso zusammen gehört?

So stellt sich die Frage, ob kritische Distanz zu den teilnehmenden Protestierenden trotz Teilnahme an den Protesten überhaupt gewünscht ist.
Merlin Wolfs Forderung nach einer „Demokratie ohne Kapitalismus“ war von enormer, da nicht durch Kenntnis getrübter, Massentauglichkeit.6 Gerade im Schweigen darüber was denn genau darunter zu verstehen sei, finden die Grundzüge der akutschen Mobilisierungsstrategie erneut ihren Ausdruck:
Zum einen wurde eine Formulierung gewählt, unter die sich scheinbar nahezu jegliches als links verstandenes Ideologem bzw. Utopiefragment subsumieren lässt, ohne dass via Begriffsbestimmung die Grundlage für möglichen Dissens und damit drohende Zerwürfnisse geschaffen wurde. Zum anderen vermittelt die hübsche Floskel, ähnlich der kontextberaubten Rede von der Verschiedenheit ohne Angst, man wisse was man tue, sodass sich das zu mobilisierende Subjekt getrost hinter der Avantgarde, in dem Fall dem Konglomerat aus AKUT+C und IL, einreihen könne. In letzter Konsequenz bedient man sich der selben leninistischen Denkweise über Subjekt und Protagonist revolutionärer Veränderung, die auch schon dem Aufruf zur Nachttanzdemo zugrunde lag.

Volksherrschaft und struktureller Antisemitismus

Diese Strategie überführt sich schon dort ihrer Falschheit, wo sie sich durch falsche Benennung ihres Subjekts logisch verunmöglicht.
Dass das Subjekt der Demokratie, das Volk, dem AKUT+C wie IL zur Herrschaft verhelfen wollen, nicht sein kann, ohne Bezug auf einen Souverän, es daher keine emanzipatorische Bewegung geben kann, die für Demokratie antritt, ist eigentlich ein alter Hut.

Doch die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis lassen erahnen, weshalb sie so gerne übersehen wird, gemahnen sie doch stets daran, dass Revolution immer auch die Durchbrechung der eigenen Gesetztheit sein muss, der als Volk eben, also auch an die eigene Vermitteltheit und die Beschädigung des eigenen Lebens. Hierin liegt die Unmöglichkeit, die Summe der romantisch Verklärten und ideologisch Verhärteten -nichts anderes ist das Volk im linken Sinne- in der Begriffslosigkeit zu vereinen und zu wirklicher Sonne und tatsächlicher Freiheit zu führen; in der Abkehr von der zu erreichenden Möglichkeit von Individualität, hin zur Verwirklichung ihres Gegenteils, der Herrschaft des Volkes. Historisch verwirklichte sich diese Art antikapitalistischer Volksherrschaft im nationalen Sozialismus.

Wo Volk ohne die Definition als Staatsbürger eines kapitalistisch formierten Nationalstaats auskommen soll, zwingt sich die Bestimmung über das, was nicht Volk ist bzw. nicht Volk sein darf förmlich auf, gerade wenn man schon sich im Namen des Protests auf eine Bewegung bezieht, die dem Volk eine nicht näher bestimmte Menge von gierigen 1% entgegensetzt.

Und der Mob versteht nur Bahnhof, aber rennt erstmal mit, irgendwohin wo die nie hin wollten und finden sich wieder zwischen stolzen Deutschen. Blockwart und Basur

Nichts deutet darauf hin, dass AKUT+C ein Problem damit hätte, sich zum Führer der Ahnungslosen zu machen, zur Avantgarde, die, wie allein schon an diesem Wunsch zu erkennen, von Befreiung nichts weiß noch wissen will. Ist schon die Rede von Volksherrschaft ein Tritt in die Fresse jedes nach individuellem Glück Strebenden, gleicht die Bereitschaft das, was vom verkümmerten Individuum übriggeblieben ist, zum Wohle der revolutionären Sache zu opfern, einem soliden Pushkick. Im Fall der Nachtanzdemo 2014 traf es die meist ahnungslose Ravenation, die nicht nur durch beatkompatible Politshouts zum menschlichen Megaphon instrumentalisiert wurden, sondern auch mit ihrem Tanz jedem dort verteilten Blödsinn nach außen Nachdruck verleihen sollten. Tonnenweise Altpapier bekam auf diese Weise empathisch lächelnden Support, ohne das dieser in der Lage gewesen wäre das instant nachzuvollziehen.

Ins offene Messer tanzen lassen…

Wenn man die Crowd dann noch bewusst in der Nähe einer Hausbesetzung anhält und die Veranstaltung auflöst, während in dem entsprechenden Haus Musik angemacht wird, spricht dies von der Hoffnung, dass der Arme, der von den Polizisten vielleicht verprügelt wird, weil er nur tanzen wollte, schlussendlich doch ein Linker wird.7 Solikreis, Billigschnaps und Aussicht auf die angesprochene Nestwärme wirken auf den ersten Blick noch irgendwie fürsorglich, letztlich geht es doch um die Rekrutierung von Fußvolk. Zudem versprechen Prozesse, Gegenklagen und Antirep-Demos nicht nur Presseecho, sondern auch Beschäftigung für etwa ein Jahr, in einer Szene, die sonst weder reale Feinde, noch wirkliche Ideen hat.

Und keiner der AKUT+C soll sich ausnehmen können und sagen, es sei nicht seine Entscheidung gewesen, er sei nicht dabei gewesen.
Die stetige Betonung der Heterogenität innerhalb der Gruppe, zuletzt bei der M18-Diskussion, ist nichts als Augenwischerei. Die vielfältigen Meinungen, deren Existenz stets beschworen wird, werden nämlich immer nur dann hervorgeholt, wenn es sich vor der Kritik zu verstecken gilt.

Wie im dritten Punkt ihres Reaktionsschreibens dargelegt, besteht eine solche Vielheit der Meinungen auch zum IS.
Wie bereits in unserem ersten Paper angesprochen, übernimmt auch diesmal die Drecksarbeit ein Externer, sodass der Fluchtweg in die Heterogenität unverstellt bleibt. Mit Lothar Gallow-Bergeman haben sie dann auch jemanden gefunden, dem es aufgrund seines Gewerkschaftsengagements schwer fallen sollte, aus seinen treffenden Analysen die notwendigen Schlüsse zu folgern: Die Linke als unappetitlich zu brandmarken.

Um den Positionsfindungsprozess in der AKUT+C voran zu bringen, empfehlen wir die Hinrichtungsvideos der Terrorgruppe.
Wie man angesichts der sich dort nicht nur zeigenden, sondern auch propagierten Barbarei noch auf die Vielfalt der Meinungen innerhalb der Gruppe verweisen kann, erschließt sich uns nicht, ebensowenig die stete Betonung der Heterogenität im Bezug auf Israel, die ein klares Stellung beziehen verunmöglicht, anstatt sich zu schämen mit Leuten zusammen in einer Gruppe zu arbeiten, mit denen die notwendige Parteinahme für Israel nicht zu machen ist!

Und nebenbei: Kritikern der eigenen Aktion, wie im vierten Punkt ihrer Replik, vorzuwerfen, zu eben jener nichts beigetragen zu haben, ist so panne, dass wir glauben dazu nichts erwidern zu müssen noch zu sollen. Läuft bei euch!

Stabile Grüße,

Eure EMAK

Ps: Leider konnten wir trotz intensiver Recherche kein billiges Fremdwort finden, um es AKUT+C um die Ohren zu hauen.


2 Ebd.

3 Der Referent der AKUT+C, Merlin Wolf, lief hierbei zu wahrer Höchstform auf. Gleich mehrfach war er voll des Lobes für alle, die sich bei Blockupy engagieren.

5 Die CDU-Käfertal stand zusammen mit einigen anderen sehr interessanten Gruppen auf der Unterstützerliste, während die AKUT+C einen eigenen Aufruf schrieb, ohne Distanzierung von irgendwem.

6 Dass die Forderung nach mehr Demokratie schlecht zusammen passt mit der Forderung nach einer Unterstützung Griechenlands, wo doch die Mehrheit der Deutschen von den Griechenlandhilfen nichts wissen will, bemerkte schon David Waldecker. Eine Antwort auf seinen Einwand gab es nicht, man wisse gar nicht genau wie denn die „Demokratie ohne Kapitalismus“ aussehe.

7 Ob die Organisatoren im Vorhinein von der Besetzung wussten oder nicht spielt hierbei keine Rolle. Es war ihre Entscheidung die Demo auf Höhe der Besetzung anzuhalten und zu beenden und so Leute, die nur ein bisschen durch Heidelberg tanzen wollten quasi vis-à-vis in eine Hausbesetzung und damit in die Gefahr polizeilicher Zwangsmaßnahmen zu bringen. Der Aufruf zur Demo wird ohnehin wohl kaum jemanden zur „kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft“ angeregt haben, sondern wohl eher zum Feiern (soweit nichts Schlechtes!) und war nur ein Teil des in der radikalen Linken beliebten Spiels, jedes Konzert, jede Party politisch aufzuladen.

Zum Begriff der Kritik – einige Gedanken…

Kritik ist nicht bloße Ablehnung. Kritik ist Analyse mit dem Ziel der Überwindung. Sie ist die Bestimmung des Bestehenden und somit der Weg zu einem Besseren. Denn „das Falsche [ist], einmal bestimmt erkannt und präzisiert, bereits Index des Richtigen, Besseren“1. Angesichts der Verstellung der Praxis in der Wirklichkeit bleibt uns nur die Kritik, die wir, anstelle sich mit den Fragen des Primats von Theorie oder von Praxis, als praktische Theorie wie theoretische Praxis begreifen. Denn wir gewinnen unsere Gedanken zur Politik aus der Kritik der Gesellschaft und ihrer Ideologien, anstatt ein Programm als Weg zu einer beliebigen Wunschvorstellung zu setzen.
Genau darin ist Kritik nichts anderes als Analyse mit dem Ziel der Überwindung. Sie will nicht recht behalten sondern wahr werden, wahr darin, dass das ihre in der Bestimmung gewonnen Begriffe revolutionäre Kraft entfalten.
Zuerst allerdings gilt es jene anzugreifen, die mit der Kritik als Irrlicht werben, das über einem Sumpf aus Reflektionsunfähigkeit, Nestwärme und Verdruckstheit schwebt.
Nur gegen sie kann mit der Kritischen Bestimmung ihrer und ihres Sumpfes versucht werden, einzelnen mit einem Text ein erstes Seil zuzuwerfen.
Die Falschheit der gängigen Vorstellungen der Linken zu erkennen setzt dabei kaum mehr als ein Mindestmaß an Kenntnis voraus.
Demgegenüber scheint vielen Gesellschafts- und Ideologiekritikern ihr kritischer Sinn zu versagen.
Die Dummheit, den Mitmenschen gegen ihre Wahnvorstellungen einfach ihre eigene Interpretation der Zusammenhänge in der Welt zu stellen, würden sie nie begehen.
Sie wissen, dass das den Wahn zu einer diskussionswürdigen, also Vernunft anerkennenden Theorie machen würde, also implizit zu behaupten, er entspringe der Vernunft und ihn so zu etwas, was er nicht ist, zu machen. Nennt sich ihr Gegenüber allerdings links oder gar linksradikal (Autonom, Anti*_Ix), so wird es, solange es nicht zu den offen antisemitischen oder antizionistischen Fraktionen der Linken gehört, behandelt, als sei es mit dieser Selbstzuschreibung schon dem Verblendungszusammenhang entwachsen. Redet er auch den selben Unsinn, wie sein Genosse oder Kamerad in der Mehrheitsgesellschaft,2 so wird sein Wahn zur „verkürzten Kapitalismuskritik“geadelt. Was als Polemik beginnt, wird allzu schnell Diskussionsbeitrag. Angesichts der Verfasstheit der Radikalen Linken können wir nur versuchen, uns diesem Mechanismus zu verweigern. Denn von Kritik im eigentlichen Sinne wollen sie, auch wenn sie sie dem Namen nach einfordern, nichts wissen, fordern sie doch beständig „solidarische“ und „konstruktive“ Kritik. Wie könnte Kritik denn „konstruktiv“ sein, dient in ihr doch die Bestimmung des Missstandes seiner Abschaffung? Kritik ist ihrer Definition nach destruktiv.
Mit der „solidarischen“ Kritik verhält es sich genau anders herum: Kann Kritik niemals konstruktiv sein, so ist sie doch immer solidarisch und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Im Allgemeinen, folgt sie doch dem „kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“3, sowie im Besonderen, da Kritik an einem Subjekt, wie an den Verhältnissen, zu üben, die Hoffnung voraussetzt, dass den Menschen eine libération ihrer selbst noch möglich ist.
Sind dabei Adressat wie Objekt der Kritik identisch, so gilt dies im Besonderen.

Entgegen des nun selbstverständlich erhobenen Vorwurfs, wir wollten uns als Retter sehen, müssen wir erneut betonen: Ein Großteil des völlig schrottreifen Wohl- und Besserfühlkollektivs „Radikale Linke“ ist nicht zu Retten. Es ist zu zerschlagen.

Gegen sie gilt es auch, den Westen, die Aufklärung und die Freiheit zu verteidigen.All dies fällt in eins, da der Westen der global letzte Akteur ist, der wenigstens die begrenzte Freiheit der Kapitalen Subjektkonstitution gegen ihre Auswirkungen verteidigt und somit die Aufklärung und die Möglichkeit der Abschaffung zu einem Besseren noch als denkbar enthält.

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1:Adorno, Theodor W.: „Kritik“, GS 10-2, Frankfurt am Main 2003, S.793.

2:Genosse ist er im Blick der Linken, die ihn ihm schon immer das Subjekt der baldigen Revolution sehen.
Kamerad ist er allzu oft im eigenen Blick, unterscheidet sich doch seine Vision von einer „Relvolution“ recht stark von einer Überwindung von Staat und Kapital.

3:Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, 1844, S.385.

Die akute Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit

Im Folgenden dokumentieren wir unsere Kritik an der Heidelberger Gruppe A.K.u.T. [+C] und deren Aktivitäten. Diese Kritik wurde in Form eines Flugblattes am Freitag den 17.10.14 auf einer Party des Offenen Antifa Treffens HD im Cafe Gegendruck ausgelegt und am Samstag den 18.10.14 auf der im Text angesprochenen Nachttanzdemo verteilt.


Mensch kann der Linken weitgehend den Rücken kehren, Teile der durch sie erfahrenen Sozialisation reichen dennoch bis ins Mark, weswegen wir es nicht schafften, die Nachttanzdemo zu besuchen, ohne dem Drang nachzugeben, auch den dazugehörigen Aufruf zu lesen. Die folgende Auseinandersetzung mit der aurufenden Gruppe war notwendig, um für uns einen Weg zu finden, reinen Gewissens mit der AKUT+C (=Aktion, Kritik und Theorie [+C]) ‚trotz alledem‘ durch Heidelberg zu tänzeln.

Die akute Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit

Es hatte einen in naiven Momenten doch hoffnungsfroh gestimmt, als erst als Gerücht auf Szenepartys und dann -Hoppla hier bin ich- mit einer doch recht umfassenden Veranstaltungsreihe ein neuer Stern am Firmament des Heidelberger Polithimmels erstrahlte.

Hoffnungsvoll waren sie alle, sogar die paar antideutschen Zyniker*innen, wissend das jeder Politemporkömmling zu illustren Angstausbrüchen um die Hegemonialstellung im Politzirkus der etablierten Heidelberger Gruppen führt, inklusive Sticheleien und Intrigen, die den szeneinteressierten Lachmuskel dort strapazieren, wo ihm die mit der Abkehr von der Linken gewichene Fremdscham jetzt mächtig viel Platz eingeräumt hat.

Hoffnungsvoll waren auch jene, die als semi-isrealsolidarische Jugend- und Post-Antifas beim Erklingen von eingängigen Gruppennamen das Sabbern beginnen, als läutete Pawlow das Glöckchen. Besonders wenn diese sich „kritisch“ labeln, was spätestens seit der unsäglichen „Krisa“ (= Kritische Schüler*innen Aktion) in Heidelberg bestenfalls vollkommene Bedeutungsleere meint, und mit dem verruchten „C“ durchklingen lassen, dass sie zwar mitnichten einen Begriff vom Komm… -Pardon: Communismus haben, sich aber auf jeden Fall von allem was den Begriff, von dem sie einfach nicht lassen können, belasten könnte, abgrenzen. Zu Funktionieren scheint der Gründungsritus „Name finden, aufdröseln und zu jedem Buchstaben eine Vokabel aus dem linken Sprachgebrauch zu finden“ bestens, waren doch Gruppen wie Lisa (= Linke Schüler*innen Aktion) , AKUZA (= Autonome Kulturzentren Aktion) oder ag_UFO (= autonome Gruppe: utopisch, fortschrittlich, organisiert) richtige Erfolgsmodelle der Heidelberger Politgruppenschmiede.

Insgeheim hoffnungsvoll waren auch die Alteingessesenen die, ihre eigene praktische Unattraktivität und inhaltliche Unappetitlichkeit ignorierend, davon ausgingen, die Neuen liebevoll, aber richtungsweisend bei der Hand nehmen zu können. Zudem ist jede neue geschlossene Gruppe -in einer Szene für die Organisation die Grundlage jedes längerfristigen politischen Engagements darstellt; und die diese notfalls noch um ihrer selbst Willen betreibt- erst einmal etwas Gutes. Zu sehnsüchtig wünscht man sich die alten AZ-Zeiten herbei, als aus Heidelberg noch zig Gruppen zu Demonstrationen aufriefen, statt der müden Handvoll heute.

Genau hier wird die Hoffnung derer, die zu träumen wagten, es könnte sich da etwas Vernunftorientiertes zusammengefunden haben, zunichte gemacht. Denn die goldenen Zeiten hat mensch zwar nicht erlebt, weiß aber genau, das es besser, entschlossener und auch irgendwie harmonischer gewesen sein muss. Und mensch weiß auch, dass es der Harmonie bedarf, um diesen Zustand wieder herzustellen. Folgerichtig -oder besser gesagt: Folgefalsch- versucht AKUT+C die teils mühevoll gezogenen Gräben innerhalb der Heidelberger Linken zu überbrücken, um das zu verwirklichen, was progressivere Gruppen in aufgeklärteren Gegenden ohnehin schon tuscheln: Heidelberg ist furchtbar; da haben sich alle lieb.

So übernimmt AKUT+C eine Aufgabe, die zuvor nur AZ-Räumung, Berufsverbot und Spitzeleinsatz bewältigt haben: Alle an einen Tisch zu holen.

Die linke Bündnisfähigkeit im Allgemeinen und in Heidelberg ganz besonders bedarf dreierlei Einigungungen:

1. Das Schweigen über die eigene Irrelevanz

Die radikale Linke bezieht ihre Relevanz entgegen aller Realität aus sich selbst. So werden Spontandemos mit 10 Leuten, die in Heidelberg längst Teil des gewollt-alternativen Stadtbildes sind, in der Nachbereitung monströs aufgeblasen, um anschließend in d.i.y.-Käseblättchen -deren viel zu hohe Auflage zwar schlecht für den Füllstand der Papiermülltonne des ortsansässigen linken Cafés, dafür aber Balsam fürs verkümmerte Ego ist- darüber zu berichten; und selbstverwaltete Zentren für einen müden Haufen gefordert, der nicht nur zu klein wäre ein solches zu beleben, sondern derart unselbstständig, dass mensch irgendwo zwischen leeren Libellakästen, Wackelaugen und Plakatmüll der letzten Jahrzente fairerweise von Selbstverwahrlosung sprechen sollte. Zum Glück sind die zuständigen staatlichen Behörden paranoid genug, die Linke und ihre Rolle ebenfalls massiv zu überschätzen, sodass die Schwere der Repressalien problemlos zur Messlatte der eigenen Relevanz umgelogen werden können. AKUT+C fügt sich nahtlos in diesen Trug, gibt emsig Interviews, solidarisiert sich hier und dort, ohne sich mit der eigenen, an sich trostlosen Rolle als „kritische“ Gruppe innerhalb des bestehenden gesellschaftlichen Zusammenhangs zu beschäftigen, was als Konsequenz aus der zelebrierten Selbstüberschätzung autonomer Gruppen bis weit über den Untergang der AA/BO (=Antifaschistische Aktion / Bundesweite Organisation) vor 13 Jahren hinaus das Erste sein sollte, womit sich als Gruppe Assoziierende -öffentlich- auseinander setzen sollten.

2. Das Vermeiden klarer Positionierungen.

Diese Auseinandersetzung hätte bedeutet, sich klar abzugrenzen, was allem Anschein nach mit dem Harmonisierungswillen von AKUT+C unvereinbar bleibt. So schaffen sie es, sich zur Lage einer Stadt im kurdischen Autonomiegebiet zu äußern, ohne auch nur ein Wort zum politischen Islam oder gar zu Israel und dessen Verbrüderung mit den nach Wohlstand und Säkularität strebenden Kurden*innen zu verlieren. Generell wird sich zu so entzweienden Pfui-Themen wie dem Zusammenhang von Antisemitismus und Israelsolidarität entschieden ausgeschwiegen, Vorträge die das Thema anschneiden könnten, werden mit Gastreferent*innen besetzt und in breit gefächerte Vortragsreihen eingebettet. So muss sich das eigene Personal nicht zwingend zu etwas äußern, das eventuell Anstoß erregen und zu unangenehmen Fragen während der nächsten VolXküche führen könnte. Nach diesem Konzept, mit dem sie doch bisher gut gefahren sind, wurde ein Aufruf zur Nachttanzdemo gezimmert, der gänzlich auf begreif- und streitbare Positionen verzichtet, sodass alle vorbeikommen, mitfeiern und dabei wütend sein können auf Stadt, Gott, Welt, ohne sich vor einem zufällig vorbeikommenden und eben eventuell nicht ganz heidelbergkonformen Erkennntnisgewinn fürchten zu müssen. Die inhaltliche Auseinandersetzung wird einer Vorjahresbroschüre und einem Kongress überlassen, der so wahllos konzipiert wirkt, dass statt dem hörenswerten Magnus Klaue auch problemlos ein jungeWelt Schreiberling hätte schwadronieren können. Konsequenterweise wird Magnus Klaue auch erst einen Tag nach der Demo referieren, zu groß ist wohl die Angst vor der Demobilisierung durch den Zwang des besseren Arguments.

3. Annerkennung der linken Avantgardstellung

Der geneigten Leserschaft des Aufrufs erschliesst sich noch mehr aus der gewählten Sprache der Hauptsatzanhäufung, die eher an einen Vierviertel-Deichkind-Liedtext, als an eine ernstzunehmende politische Position erinnert. Ließe sich zuerst noch vermuten, Teile von AKUT+C schielten mit einem Auge auf eine Karriere als Dolmetscher*innen für einfache Sprache; eine der wenigen Möglichkeiten mit der furchtbaren Fächerkombination Pädogogik-Germanistik jenseits des Lehramts tatsächlich Geld zu verdienen; sind vermutlich jedoch Motive abseits materieller Zukunftssicherung ausschlaggebend. Die von Beginn an unklar gehaltene „Die versus Wir“ Frontenstellung mittels willkürlicher Nennung sämtlicher Benachteiligungen -wobei der Belanglosigkeit, nach 22:00 Uhr Plastikflaschenplörre zwar trinken, nicht jedoch erwerben zu dürfen, ebensoviel Platz eingeräumt wird der tatsächlich schikanösen Residenzpflicht- soll eine Masse auf die Straße bringen, deren Einzelne sich alle irgendwie als Opfer eines Konglomerats aus Stadt, Staat, Gesellschaft und Ellenbogen fühlen können, um sich von den Brüdern und Schwestern der AKUT+C zur Sonne, zur Freiheit führen, Pardon: raven lassen zu können. Die Logik, aus der die unmittelbar erfahrbaren Benachteiligungen entstehen, muss unbenannt und verschleiert bleiben, wäre doch sonst die mobilisierungspotential-versprechende Gegenüberstellung von „Uns“ und den zwar nicht benannten, aber doch konkret wirkenden „Denen“ nicht haltbar.

Ob mensch gegen das abstrakte, abschaffenswerte Übel des Kapitalismus ausgrechnet anraven sollte, bleibt diskutabel; indiskutabel ist die Taktik von AKUT+C, sich als besserwissende Avantgarde an die Spitze einer ravenden Masse zu setzen, der suggeriert wird, das gesellschaftliche Elend sei in einfachen, kurzen Sätzen zu beschreiben, auf dass Empörung mit Kritik identisch sei. So ist der Aufruf seiner Intention nach als leninistisches Angebot zur verkürzten Weltanschauung zu werten, ohne dass AKUT+C sich selbst zu ihm bekennen musste, hatten sie sich im Vorfeld doch schon zur Genüge abgegrenzt.

Von aller Hoffnung bleibt letztlich nur die Befürchtung, dass es sich bei der AKUT+C um ein weiteres Projekt geschundener Einzelner handelt, ihr Scheitern, die offensichtliche Möglichkeit und doch scheinbare Unmöglichkeit einer besseren Einrichtung der Welt zu verstehen bzw das Verständniss zu bewältigen. Eine Einrichtung die mal benannt werden konnte, bemühen sie doch hilflos das zum Gerede verkommene Bild Adornos einer Welt ohne Angst; eine ohne ihren ursprünglichen Kontext sinnentleerte Floskel die sich die AKUT+C mit Gruppenzusammenhängen wie „Wir sind Bunt-Wir sind Straubing“ teilt. Es bleibt das Werkeln und Schaffen, um die akute Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit zu mildern. Ehrlicherweise benannte die Gruppe sich nach einem Medikament, das nur akut, wahllos gegen Symptome wirken möchte, jedoch das Übel langfristig nicht zu greifen vermag.

Daraus resultierend rufen wir zu einem offen konsumistischen Umgang mit der Nachttanzdemo auf, auf das mensch es irgenwie schaffe, um den Wagen zu tanzen, ohne sich vor denselbigen spannen zu lassen. Verspricht doch die Musik ganz nett zu werden und das partizipierende DJ-Kollektiv Roter Sternenfunke widmet dem Thema Drogenkonsum mehr inhaltliche Auseinandersetzung -inklusive daraus abgeleiteter Kapitalismuskritik- als es AKUT+C ihrer empörten Ravegemeinde zumuten möchte.

Gruppe e.M.a.K.